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Sanfter Tourismus – was ist das?

 

Der Fremdenverkehrsgeograph Jost Krippendorf folgert aus seinen Untersuchungen:

 

    1.      Nicht die mit viel Material- und Kapitalaufwand errichteten Tourismuseinrichtungen

bilden die Hauptattraktionen des Tourismus, sondern die landschaftlichen Reize. Die Form, die Schönheit, die  

Stimmung, kurz der Erlebniswert der Landschaft ist entscheidend.  Fremdenverkehrsunternehmen überschätzen sich.

Sie sind in den Augen des Touristen nur Mittel zum Zweck, man nimmt ihre Leistungen nur in Anspruch um Natur und

Landschaft besser konsumieren zu können.

     2.    Die viel zitierte Flucht vor dem Alltag in einen Gegenalltag, das Bedürfnis nach Tapetenwechsel, die Suche nach dem

            Unterschiedlichen, die Ferien als Kontrasterlebnis prägen die touristische Bedürfniswelt.

 

Ich möchte Krippendorf ergänzen: Der Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Mobilität, das sicher mit einem bestimmten Quantum Neugier verbunden ist. Andererseits aber hat er Angst vor allzu Fremdem.

 

Deshalb verlässt er sich auf erfahrene Unternehmen, die ihm und Millionen anderer Menschen einen preisgünstigen Urlaub ohne Unsicherheiten bieten. Aber dieser Massentourismus zerstört genau das, was der Tourist im Urlaub sucht!

 

Vor etwa 25 Jahren hat der Zukunftsforscher Robert Jungk diese Sachlage erkannt und in der Zeitschrift GEO eine neue Reisekultur gefordert:

 

                                   Sanftes Reisen statt Hartes Reisen!

 

Was bedeutet dies?

                                  

-          nicht der organisierte Pauschalreisetourismus oder die Massenflucht im Auto

            sondern die Individualreise allein, mit der Familie oder mit Freunden

-          nicht die hektische Reise, bei der man zum Ziel oder von Ziel zu Ziel hetzt

sondern die Reise mit Zeit für alles, auch zum Träumen

-          nicht schnelle Verkehrsmittel

     sondern Verkehrsmittel mit deren Geschwindigkeit der Mensch umgehen kann

-          kein festes Programm

sondern Raum für spontane Entscheidungen

-          nicht außen gelenkt durch Werbung oder Reiseveranstalter

            sondern innen gelenkt durch eigene Entscheidungen und Vorlieben

-          nicht würstl con crauti und birra warsteiner in Italien

            sondern crostini, ravioli con spinacchio, cinghiale alla cacciatore, dazu vino della casa

-          kein Abhaken von Sehenswürdigkeiten

            sondern Erlebnisse

-          nicht bequem passiv konsumierend

sondern aktiv und auch anstrengend

-          nicht mit Hotelprospekt und ADAC-Routenbeschreibung

            sondern mit Vorbereitung und eingehender Beschäftigung mit dem Besuchsland

-          nicht radebrechen mit Deutsch und ein paar Englischbrocken

sondern Sprachenlernen

-          nicht „in Deutschland ist alles besser“

sondern Freude am Lernen vom Fremden

-          nicht billig Schnäppchen machen

sondern an Geschenke denken

-          nicht Souvenirs einkaufen

sondern Erinnerungen, neue Erkenntnisse  mitbringen, am besten in Tagebuchform

-          nicht Knipsen und Ansichtskarten kaufen

sondern Fotografieren, Zeichnen, Malen

-          nicht mit Neugier nerven

sondern mit Takt rangehen

-          nicht laut proleten

sondern leise und  zurückhaltend sein

(ergänzt und interpretiert durch mich)

 

Was das z.B. bedeutet hat Johann Gottfried Seume schon im Jahr 1805 dargelegt:

                                   Wer geht, sieht mehr, als wer fährt ...

                                   Wer zuviel fährt, kann nicht recht auf die Beine kommen ...

                                   Sowie man im Wagen sitzt, entfernt man sich von der

                                   ursprünglichen Humanität ...

                                   Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft ...

 

Und schon im Jahr 1843 gab es ein Handbuch für Sanften Tourismus, dessen Aktualität mich immer wieder überrascht (Taschenbuch für angehende Fußreisende. Eine der deutschen Jugend gewidmete Frühlingsgabe, Friedrich Frommann, Jena 1843)

 

                                   Tatsächlich sind Fußreisen die sanfteste Art des Reisens, ein

                                   Reisen in menschlichen Geschwindigkeitsdimensionen.

                                   Lustwandeln wäre sicher die richtige deutsche

                                   Bezeichnung das sanfte Reisen zu Fuß!