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Wandern in Israel – Eindrücke von einer kurzen Erkundung in den Osterferien 2008

von Lutz Heidemann, Netzwerk Weitwandern


Weil im Mittelalter aus den verschiedensten Gründen eine Reise nach Jerusalem zum Grab Jesu so schwierig war, wurde der Besuch eines „Ersatzzieles“, das Grab des Apostels Jakob in Nordspanien, populär. Gegenwärtig nach Israel zu reisen und dort gar wandern zu wollen, ist heute ebenfalls ungewöhnlich und erklärungsbedürftig, für mich und meine Frau mußten mehrere gute Umstände zusammentreten. Ich bin als Student allein im Nahen Osten umhergezogen. Ich reiste 1960 mit Bussen oder per Anhalter mehrere Monate durch die Türkei, war dann in Syrien, im Libanon und in Jordanien und besuchte auch Jerusalem, - die Altstadt gehörte zu Jordanien -, ein Grenzübertritt nach Israel war jedoch praktisch undurchführbar.

Seit jener Zeit habe ich die Veränderungen im Nahen Osten aufmerksam verfolgt, doch an Wandern dort hatte ich nicht gedacht. Auf einer Tagung der Europäischen Wandervereinigung, in der Israel einen Gaststatus besitzt, lernte ich den israelischen Delegierten Dany Gaspar kennen, einen hünenhaften Menschen mit braunem Bart, der vom Israel-Trail und von den interessanten Wandermöglichkeiten im „Heiligen Land“ berichtete und mich einlud. Das wiederholte er in Budapest, wo auch meine und seine Frau dabei waren. Jeder fand es interessant, die Kontakte zu vertiefen. Wir nutzten die Osterferien 2008 für den Besuch. 

Dany Gaspar, leidenschaftlicher Wanderer und Mitglied der SPNI (Society for the Protection of Natur in Israel)

Ich gebe zu, daß wir nicht direkt Angst vor dem Land hatten, aber das Gefühl über die Fremdheit der zu erwartenden Lebensverhältnissen war stark. Viele Dinge des Alltages würden anders sein, eine fremde Schrift könnte die Orientierung in den Orten erschweren und es wären religiöse Gebote auch von Nicht-Juden zu beachten, z.B. am Sabbat. Würden wir uns allein zurechtfinden?

Wir waren sehr dankbar, daß Dany Gaspar einen Bekannten gebeten hatte, uns mitten in der Nacht am Flughafen Ben Gurion abzuholen und in ein Hotel in der Innenstadt von Tel Aviv zu bringen. Ein weiteres Dany bekanntes Paar würde uns am Abend abholen, wir könnten bei ihnen in einem Ort etwa 50 km nördlich von Tel Aviv übernachten und wir würden an den folgenden Tagen mit Dany und dem Hausherrn in Galiläa wandern, zusammen mit einer Gruppe von über 50 Männern und Frauen aus Tel Aviv.

Ungewohnte Zweischriftigkeit an der Küstenpromenade,

Da hatten wir aber schon den ersten Tag in Israel allein gut gemeistert. Es war nirgends eine Situation aufgetreten, bei der wir Angst gehabt hätten, und so sollte es die ganzen zwei Wochen bleiben. Wir fanden in Tel Aviv schnell die Küste mit einer großzügigen Uferpromenade. Wir wanderten bis Jaffa, kamen in unterschiedliche Viertel, sprachen mit Franziskanerpatres, beobachten eine philippinische und eine koreanische Pilgergruppe, und ich besuchte zum Schluß auch eine Moschee. Englisch war die Verständigungsgrundlage; das blieb die ganzen zwei Wochen so.

Dieser kleine, früh befestigte Felsvorsprung am Mittelmeer wurde von den Kreuzfahrern Jaffa genannt; heute ist das ein Vorort von Tel Aviv.

Die Wanderung am nächsten Tag in Galiläa war sehr eindrücklich. Wir stiegen eine felsige Klippe hoch und kamen an befestigten Höhlen vorbei. Die waren als militärische Anlage nicht erst in den Kreuzzügen entstanden, worauf Buckelquader hindeuten konnten, sondern schon in der Zeit der jüdischen und römischen Antike und bis ins 20.Jh. genutzt.

       Mit der ersten Gruppe unterwegs in Galiläa

Am Ende des ersten Wandertages wurde ein Taxi bestellt, das uns zu einem Nachtquartier in Nazareth brachte. Am nächsten Morgen mußten wir zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer Kreuzung auf der Überlandstraße sein, damit wir wieder in den Bus, diesmal mit einer anderen Gruppe, steigen konnten. Das klappte.  

Wir erfuhren dann auch einiges über den Charakter des Israel Trail und die Art, dort zu wandern. Der Israel Footpath, wie er anfangs hieß, verdankt seine Existenz als durchgehende 850 km- Nord-Süd-Verbindung der Vision und der Hartnäckigkeit des Journalisten Avraham Tamir, der den Appalachian Trail begangen hatte und davon träumte, etwas Vergleichbares auch in Israel verwirklichen zu können.

Ausschnitt aus der Map of Israel 1: 350.000 mit Eintragung des Israel-Trail; grün hinterlegt sind die Naturschutzgebiete. Oben links befindet sich schon der Libanon; der Golan ist ein von Israel besetztes syrisches Gebiet; unten rechts sind Teile von Jordanien zu erkennen. Der Fernwanderweg schlängelt sich zwischen Siedlungsgebieten von Norden kommend westlich an Safad, der Kreuzfahrerburg Safita, vorbei in Richtung See Genezareth. Von Tiberias werden nur moderne Wohnhausgebiete durchquert; dann macht der Weg einen Schwenk nördlich an Nazareth vorbei in Richtung Mt. Carmel und Haifa. 

Schon in der Mandatszeit hatte ausgewanderte Juden angefangen, auf markierten Wegen zu wandern; schließlich waren viele vorher Mitglied im Deutschen oder Österreichischen Alpenverein gewesen. Manche der markierten Wege mußten nach der Teilung des Landes aufgegeben werden. Auf Anregung Tamirs wurden vorhandene Wege verknüpft und fehlende Teilstücke ausgebaut. Inzwischen sind Abschnitte neu trassiert worden. 

Die „Dramaturgie“ ist auf das Begehen vom Norden nach Süden angelegt: Vom grünen Hügelland in Galiläa kommt dann der Wanderer zur Küste, umgeht weiträumig Tel Aviv, nähert sich Jerusalem und später Beersheba, um dann während vieler eindrücklicher Tagesetappen die Negev-Wüste zu durchqueren und bis an das Rote Meer zu gelangen. Der Weg ist in etwa 40 Ein- oder Zweitagesetappen unterteilt. Bei Kreuzungen mit Überlandstraßen sind in der Regel Tafeln mit Hinweisen auf den nächsten Wegabschnitt in Hebräisch, Arabisch und Englisch angebracht.

Hinweise auf eine Etappe des Israel Trails, die in Migdal, dem aus dem Neuen Testament bekannten Magdala, endet.

Dany Gaspar hatte vor einiger Zeit angefangen, mit fünf Gruppen im Abstand von zwei Wochen jeweils eine Tagesetappe zu gehen. Morgens noch in der Dämmerung sammelt ein Bus an verschiedenen Treffpunkten in Tel Aviv und Netanya die Wanderer ein; abends geht es wieder zurück. Es waren überwiegend rüstige Rentnerinnen und Rentner, aber auch jüngere Menschen. Es hatte sich eine sehr familiäre Stimmung entwickelt. Wir wurden freundlich aufgenommen; von den Älteren sprachen noch viele deutsch.

Sommer-Adonisröschen (Adonis aestivalis)

Am zweiten Tag war das eindrucksvollste Stück eine Wanderung durch ein schluchtartiges Tal. Wir sahen Adler und eine Wildschweinfamilie. Wir kreuzten die Wasserleitung, durch die Wasser aus dem See Genezareth in den Süden gepumpt wird, ökologisch nicht unbedenklich.

Wir bekamen ein Gefühl für die landschaftliche Vielfalt von Israel; sie hat ihre Grundlage im Übergang von der mediterranen Welt in das Wüstenmilieu. Auf der einen Seite Landschaftsbilder wie in der Toskana oder der Haut Provence und dann als Kontrast Steinwüsten und Schluchten.

    Am See Genezareth gibt es die mit einem byzantinischen

Heute muß ein „guter Hirte“ auch ein Handy haben                          Mosaik geschmückte Stelle, wo Jesus das Wunder der Vermehrung von Brot und Fischen geschehen ließ.

Wir wurden dann von Dany Gaspar in sein Haus nahe Beersheba mitgenommen. Von dort unternahmen wir mehrere ausgedehnte Wanderungen und eine eindrückliche Jeep-Fahrt in einsame Wüstengebiete. Auch hier waren Pisten und Pfade an vielen Stellen bewundernswert gut markiert. 

        

 Eindrücke aus der Negev-Wüste                                                                                                                                                         Dany und seine Frau kommen uns entgegen

Teilweise benutzt der Trail römische Treppenstraßen, also Fernverbindungen, auf denen früher die Lasten mit Tieren transportiert wurden, sonst aber „Jedermann“ - vom Pilger bis zum Soldat - zu Fuß ging. Wir kamen durch angepflanzten Wald, der durch Spenden von Schweden und Schweizern angelegt worden war. Hier gab es auch einen stimmungsvollen Rast- und Übernachtungsplatz. In der Wüste waren nicht nur der Israel-Trail, sondern auch andere Pisten vorbildlich markiert.

Forst- und Rasthaus in der Nähe von Arad, auf schmalen Tafeln wird an Baum-Spender erinnert.

Ich möchte Mut machen, selbst das Land zu erkunden und dort auch zu wandern; auch wir selbst wollen noch einmal dorthin reisen und unsere Eindrücke vertiefen. Auch allein zu wandern dürfte möglich sein. Es gibt einen guten reichbebilderten Führer mit Kartenausschnitten für jede Etappe; das Problem ist, daß er nur in ivrit = neuhebäisch existiert. Das Buch enthält auch Hinweise für Übernachtungen, wie mir Dany zeigte. Ich könnte mir vorstellen, daß man, wenn man ein oder zwei Etappen allein bewältigt hat, sich dann jeweils per Telefon für den auf den nächsten Etappenort vorbereiten und anmelden kann. Es gibt Taxis, um zu Hotels oder Startplätzen zu gelangen. Es ist aber einfacher, besonders wenn man zeitlich gebunden ist, daß man Hilfe sucht. Über die Naturfreunde dürfte das möglich sein.

Wir waren nicht die einzigen Wanderer auf dem Israel Trail. Es hat sich eingebürgert, daß junge Israelis nach ihrer Militärzeit ihr Heimatland durchwandern. Wir haben mehrfach solche kleinen Dreier-, Vierer oder Fünfer-Gruppen beobachtet.

Man verliert in dieser Landschaft leicht das Gefühl für menschliche Maßstäbe; erst beim genauen Hinsehen erkennt man die Besucher. Auch zeitlich kommt man ins Schwimmen: wieviel Jahre brauchte das Wasser, um diese Schlucht aus dem Felsen zu fräsen?

Nach dieser kurzen Reise existieren bei uns nun konkrete Bilder dazu, wenn im Alten Testament vom „Fruchtland“ oder vom Aufenthalt Jesu in der Wüste gesprochen wird. Der konkrete topographische Rahmen relativiert manche Legende. Unser vertrautes Magdala, der Herkunftsort der Maria Magdalena, heißt heute wieder – wie auch in der Zeit Jesu, Migdal und stellte sich als bescheidenes Dorf heraus. Eine Reise in das „biblische Land“ kann auch das Ergebnis haben, sich vom Bild eines braungelockten Jesus und der blonden Maria zu lösen. In Galiläa wurde uns beim Vorbeifahren der Berg Tabor gezeigt. Warum gibt es in Böhmen und Slowenien Orte dieses Namens? Das Calwer Bibellexikon, das ich später zu Hause konsultierte, zweifelt, daß die Geschichte von der „Verklärung Jesu“ hier stattgefunden habe, unbestritten ist die alte Besiedlung des Berges und sind die Berichte im Alten Testament von Schlachten und Belagerungen, das nahmen die Hussiten als Vorbild. Gibt es Sieger in der Geschichte? In der Nähe, bei den sog. Hörnern von Hattin, die wir nun im Dunst sahen, fand die verheerende Niederlage der Kreuzfahrer gegen Saladin statt.

Ein Besuch Israels ist gerade von deutscher Seite stark emotional belastet. Bei einer Reise dorthin geht es jedoch nach meiner Meinung nicht darum, die vorgefundenen Dinge gut zu finden, sondern sie erst einmal in ihrer Komplexität bildlich zu erfahren. Das heutige Israel ist eine sehr gemischte Gesellschaft: Viele Geschäfte oder Busse hatten russische Inschriften. Ich beobachtete die oft isolierten Juden aus Äthiopien. Ich sah mit Trauer die Zersiedlung des Landes. Und ich kann nach dieser Reise Berichte über Konflikte mit den arabischen Israelis besser verstehen. Es handelt sich um Menschen, die seit Hunderten von Jahren im Land leben, sei es als Stadtbewohner, darunter auch nicht wenige Christen, oder um die im Südteil von Israel heimischen Beduinen, die jetzt mehr und mehr „feste“ Siedlungen haben. Das sind nicht mehr „malerische“ schwarze Zelte aus Ziegenhaarteppichen, sondern grob gemauerte Steinbauten, die kalten Wintern standhaltende, aber auch das Landschaftsbild beeinträchtigen.

Baum der Erinnerung in Yad Vashem

Ganz nebenbei erfährt man bei einem Besuch an Ort und Stelle, wie klein Israel ist. Warum bereitet ein kleines Land der Weltpolitik so viele Probleme? Ein Besucher ist nicht gehalten, die Politik, die die gewählte Regierung des Gastlandes betreibt, richtig zu finden. So etwas darf man sich privat fragen, aber als Besucher soll man darüber nicht ungefragt reden.

Zum Schluß waren wir noch fünf Tage allein in Jerusalem. Wir benutzten dorthin Bus und Eisenbahn und besichtigten vorher ausführlich Tel Aviv mit seinen Bauhaus-Gebäuden im Zentrum. Wem das Alleinwandern in Israel zu schwierig erscheint, dem kann ich aber zureden, sich allein „auf die Reise nach Jerusalem“ zu begeben. Jerusalem mit seinem vollständigen Mauerring ist ein Stadtkunstwerk und ein unerschöpfliches Geschichtsdokument.

Östlich außerhalb der Altstadt von Jerusalem und unterhalb der Mauern des Tempelberges liegen ausgedehnte muslimische Friedhöfe. 

Die Vielfalt von Kirchen der verschiedensten Konfessionen und Nationen in Jerusalem kann als Zeichen der Zersplitterung, aber auch als Zeichen von religiöser Fruchtbarkeit und Vielstimmigkeit aufgefaßt werden, auf jeden Fall wird das Beobachtete Stoff zum Nachdenken geben.

     Ein weiteres Zeugnis für historische deutsche Präsenz in Jerusalem

 Ein Hospiz für kranke Pilger auf dem Tempelberg war die Ausgangsbasis des Johanniterordens. Seit dem 19. Jahrhundert besitzen die deutschen Lutheraner ein großes Gemeindezentrum unweit der Grabeskirche.

Wer hat nicht schon von der „Tochter Zions“ gehört oder im Weihnachtslied gesungen? Aber was soll man sich unter dem Berg Zion vorstellen? Der interessierte Tourist und „Stadtwanderer“ besichtigt die Altstadt mit der Grabeskirche, den Tempelberg und Ölberg und den Garten Getsemani und wird mit Namen konfrontiert, die man von kirchlichen Einrichtungen in Deutschland kennt, z.B. Bethesda, was sich als eine Zisterne in der Altstadt herausstellte.

Das Gebäude mit dem mosaikgeschmückten Giebel ist die um 1920 gebaute Getsemani-Kirche, dahinter liegt eine russische Anlage; im Hintergrund erkennt man den Ölberg und ausgedehnte jüdische Friedhöfe

Ich bin sehr dankbar, dass wir Dany Gaspar bei der Tagung der Europäischen Wandervereinigung kennengelernt haben und er uns von den Wanderwegen in Israel erzählt hatte. Mehr noch, dass er uns im wahrsten Sinne des Wortes den Weg nach und in Israel ebnete und es uns ermöglichte, an dieser Wanderung teilzunehmen. Es war ein besonderes Erlebnis, wir haben viele Eindrücke aufgenommen und die sehr unterschiedliche Landschaft Israels bestaunt. Zudem haben wir sehr viele freundliche Menschen kennen- und schätzen gelernt. Ganz sicherlich werden wir uns noch oft an diese Wanderung erinnern.

Informationen und Hilfen:

 

Alle Fotos: Bettina Heidemann